New Work und Elternzeit – Wenn der Chef die Frage erlaubt: Wie willst Du wirklich leben und arbeiten?


Vor Kurzem hatten Tanja und ich ein Skype-Telefonat mit Ihrem Chef, der Tanja auf beispielhafte Weise auf ihrem Weg zur Selbstständigkeit aus der Elternzeit heraus unterstützte. Tanja hat unser Gespräch dokumentiert, das wir Euch nicht vorenthalten wollen.

NWF: Hallo Ihr zwei, Ihr schreibt und lebt beide gemeinsam eine schöne Story, die New Work und Familie ungewöhnlich zusammen bringen und vielleicht auch ein Tabu ankratzen. Ich bin gespannt auf unser Gespräch und ob Ihr noch weitere Chefs und MitarbeiterInnen inspirieren könnt. Ihr liebt Eure Arbeit und Ihr liebt Eure Familie - ich möchte gerne von Euch erfahren, was Ihr bis hierhin gemeinsam erlebt habt. Tanja ist in Elternzeit bei Detecon International GmbH, einer weltweit agierenden Managementberatung mit der Spezialisierung auf die digitale Transformation. Marc ist ihr Chef - bzw. wie das bei Detecon heißt „People Development Leader“. Eine Unternehmensberatung ist alleine schon durch das erforderliche Unterwegssein offensichtlich nicht per se familienfreundlich. Ein Wiedereinstieg nach der Elternzeit ist sicher mit einigen Hürden verbunden. Doch Ihr seid da irgendwie etwas anders rangegangen, was sicher mit Eurer New Work Haltung zu tun hat. Könnt Ihr das mal etwas schildern und Euch vorher auch kurz vorstellen?

Foto von Katja Kastrup

Tanja: Ja gerne. Ich bin seit 2005 bei Detecon Beraterin und in internen und externen Projekten rund um Transformation und Social Business unterwegs. Im Jahr 2011 bin ich dann in die erste Elternzeit gegangen und aus privaten Gründen nach München gezogen. Elternzeit, ein Wegzug aus der Zentralregion von Detecon und nach eineinhalb Jahren dann die Ankündigung der zweiten Elternzeit - sicher nichts davon klang erst mal gut für Detecon… Aber stell Du Dich erst mal vor, Marc.

Marc: Gerne. Ich bin Senior-Partner und Global Head of Transformation, Peoplemanagement & Integral Business bei Detecon und genieße auch meine Rollen als Ehemann und Vater von zwei Kindern, 4 und 8 Jahre alt. Vor kurzem haben wir ein Buch veröffentlicht „New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt“ mit vielen Impulsen und Beispielen unserer diversen New-Work-Initiativen und Projekte. Hinter New Work steht für mich vor allem eine Haltung und ein ganz neues Verständnis von „Arbeit“. Selbstverwirklichung nimmt an Bedeutung spürbar zu und der höhere Sinn der Arbeit für gesellschaftliche oder individuell als wichtig erachtete Aspekte rückt zudem in den Fokus...

Foto: Felicitas von Imhoff

NWF: Das klingt gut, nur ist bei vielen Arbeitgebern dann bei der Familie und auch schon bei der Familiengründung Schluss. Was hat denn eine Unternehmensberatung davon, wenn wertvolle Leistungsträger auf einmal in die Elternzeit verschwinden und dann weniger Zeit und weniger Mobilität anbieten als vorher?

Tanja: Ist halt die Frage, ob man das neue Angebot denn nur mit Zeit und Mobilität messen möchte. Es gibt auch noch andere wichtige Bestandteile eines Mehrwerts von Eltern beim Wiedereinstieg, vor allem gute Ideen. Ich vertrete die Meinung, dass wir das Thema Elternzeit und Wiedereinstieg nicht linear angehen dürfen. Wenn wir in Diskussionen rund um gesetzliche Ansprüche landen und um einzelne Wochenstunden verhandeln, dann haben wir in unserer Branche zumindest schon was falsch gemacht. Gehen wir kreativ an die Sache heran und stellen wir die richtigen Fragen, dann werden Projekte entstehen, die anders nie entstanden wären.

NWF: Welche richtigen Fragen sind das denn?

Tanja: Starten können wir ja bei der klassischen New Work Frage nach Frithjof Bergmann: „Wie willst Du wirklich wirklich leben?“. Alle Eltern, die sich diese Frage ganz ehrlich während ihrer Elternzeit stellen und beantworten, haben jede Menge Vorteile vor den Eltern, die darauf warten, dass ihre Arbeitgeber ihnen gute Vorschläge für einen Wiedereinstieg unterbreiten und abwarten was passiert oder nicht passiert. Und ganz ehrlich. Wenn die Unternehmensberatung oder ein anderer Arbeitgeber nicht mehr in die Antwort reinpasst, dann ist das eine ernstzunehmende Erkenntnis, die jede Menge Frust, Stress und unproduktive Runden spart. 

Marc: Und statt in einer Sackgasse zu geraten können mit offenen Karten auch wieder neue Dinge entstehen. 

NWF: Ist denn bei Euch etwas Neues entstanden?

Foto: Felicitas von Imhoff

Marc: Tanja hat während ihrer zweiten Elternzeit ein neues Unternehmen gegründet, mit dem sie mittlerweile bundesweit unterwegs ist. Sie hatte mir bereits in der Ideenphase davon erzählt und ist völlig transparent gewesen. Ich fand die Idee klasse und sah mich oder Detecon zu keinem Zeitpunkt „bedroht“. Ich ließ sie in ihrem Schwung und gab ihr Mut, teilweise unterstützte ich auch mit Kontakten.

NWF: Das kann schon für viele Arbeitgeber eine Zumutung sein. Warum sollten sie eine Gründung während der Elternzeit erlauben?

Marc: Dadurch entstehen wieder neue Netzwerke, neue Geschichten und Projekte, neue Ideen. Wir fördern bestmöglich unsere Mitarbeiterin unter der Anerkennung ihrer derzeitigen Lebensphase. Das zahlt am Ende auch alles auf die persönliche Entwicklung des betroffenen Mitarbeiters ein, steigert die Innovationsfähigkeit für alle Beteiligten, nicht zuletzt auch unsere Entwicklung als Arbeitgeber mit selbstbestimmten Mitarbeitern.

NWF: Und was ist das für ein Unternehmen, Tanja?

Tanja: Ich habe elterngarten.org gegründet, wo Eltern mittlerweile bundesweit einen Coaching-Prozess durchlaufen können, mit dem sie sich persönlich und beruflich für die Zeit nach der Elternzeit aufstellen. Im Mittelpunkt steht tatsächlich die Frage: „Wie will ich wirklich wirklich leben und arbeiten?“ Ergebnis ist immer eine klare Ausrichtung für anstehende Entscheidungen und Gespräche, z.B. mit dem Arbeitgeber

Foto: Felicitas von Imhoff

Bei der Gründung stand für mich das selbstbestimmte Arbeiten an erster Stelle und dass ich unseren Familienplänen treu bleiben kann, ohne vom schlechten Gewissen geplagt zu werden. Ich wollte aber keine Einbußen machen beim Anspruch meiner Arbeit. Mir war es wichtig weiter anspruchsvolle Aufgaben zu haben – trotz weniger Zeit, die ich zur Verfügung hatte. Diese Denke gilt übrigens auch für die meisten anderen Eltern, die zu uns kommen.

NWF: Mit der Hoffnung, dass die Arbeitgeber damit umgehen können…

Tanja: Genau, da arbeiten wir noch dran.

NWF: Marc, was empfiehlst Du Arbeitgebern, die sich „New Work“ entwickeln möchten rund um das heikle Thema Elternzeit.

Marc: Vor allem die Anerkennung der zugrundeliegenden Werte und des sonst so Offensichtlichen. Die Eltern befinden sich zur Geburt in einer neuen Lebensphase und vieles von Vorher trifft auf das Nachher nicht mehr zu. Arbeitgeber sollten dies anerkennen und ihre Mitarbeiter unterstützen. Mit einem Coaching-Prozess wie dem von elterngarten schafft man Klarheit für alle Seiten. Arbeitgeber fördern die persönliche und berufliche Entwicklung ihrer Mitarbeiter und zeigen Ihnen Vertrauen und Wertschätzung, was nicht zuletzt erheblich zu einer emotionalen Bindung beiträgt. Diese wiederum ist bei allem, was im Anschluss entsteht, sehr wichtig.

Das private und das berufliche Feld verschwimmen zunehmend. Probleme in einem Feld verlagern sich unweigerlich auf das andere. Ein schlechtes Gewissen gegenüber den zu früh fremdbetreuten Kindern oder der innere Kampf mit vermeintlichen Erwartungen des Arbeitgebers zermürben viele junge Eltern, die mit geklärten Umständen richtige Leistungsträger wären. All das kann man vermeiden durch eine frühzeitige Klärung der neuen Rahmenbedingungen und eine neue Offenheit für kreative Prozesse, die mit der Elternzeit und dem Wiedereinstieg verbunden sind.

NWF: Wie geht es nun weiter bei Euch?

Tanja: Das ist erst mal relativ einfach. Ich gehe jetzt in meine dritte Elternzeit und werde elterngarten.org weiter aufbauen. Ob ich dann zurück zur Detecon gehe, das mache ich abhängig von den weiteren Entwicklungen. Marc und ich sind im ständigen ko-kreativen Austausch, es kann nur weiter spannend bleiben.

Marc: Und ich bin gespannt auf die wieder neu entstehenden Geschichten, Netzwerke und Projekte…

NWF: Danke für Eure Offenheit und das gute Gespräch!

Das Gespräch hat mir eindrucksvoll gezeigt, wie es künftig sein kann. Was sind Eure Erfahrungen dazu? Ist Marc eine Ausnahme oder ein Vorbote?

Euer Alex

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